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Gedenkvortrag für Dr. Walther Zimmermann
am 16. März 2003 in München-Harlaching

Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren, liebe Kollegen,

für die Einladung des Stiftungsausschusses des Krankenhauses für Naturheilweisen, an dieser Stelle einen Vortrag über meinen Vater, Herrn Dr. Walther Zimmermann, zu halten, darf ich mich herzlich bedanken. Als mich Herr Dr. Hansel fragte, ob ich etwas über meinen Vater erzählen könnte, sagte ich gerne zu:
Erstens finde ich es schön, wenn über meinen Vater, der am 8. Juni 2002 verstorben ist, noch gesprochen wird, in einer Zeit größter Kurzlebigkeit.
Zweitens konnte ich in den Monaten vor und nach dem Tode meines Vaters durch vielfältige Beweise innerer Verbundenheit feststellen, wie viele Menschen meinen Vater geschätzt haben, sodass eine Gedenkstunde angebracht und angemessen ist.
Drittens entspricht das Ambiente des Krankenhauses für Naturheilweisen der Wirkstätte meines Vaters. Ein Ort, der durch die Person Dr. Walther Zimmermanns geprägt wurde. Eine Heilstätte, die vielen Patienten die Chance gab, wieder zu sich zu finden und Linderung oder Heilung ihrer Leiden. Eine Verdichtungszone, in der über 200 Ärzte und Hospitanten ausgebildet wurden (und immer noch werden) und eine ganz besondere, eine ganz spezifische Denkart mit nach Hause nehmen dürfen.
Mein Vater hat ganz entscheidend die Leistungen und das Image des Krankenhauses für Naturheilweisen geprägt mit seiner ureigenen Arbeits- und Denkweise. 
Wir wollen uns an Dr. Walther Zimmermann zurückerinnern.



Viele assoziieren in ihm zugleich einen Arzt, dem man seinen kranken Körper anvertrauen konnte und der sich in der Medizin gut auskannte, und zugleich einen Menschen, der sich nicht nur für die Krankheit eines Menschen interessierte, sondern gerade im gesundgebliebenen, im noch gesunden Anteil eines Patienten immer wieder eine Chance entdeckte, die Krankheit und ihre Bedrohung zu relativieren.
Man könnte dies die "Zimmermann'sche Relativitätstheorie" nennen, sie dürfte die herausragende Eigenschaft meines Vaters gewesen sein.

Die Fähigkeit, trotz einer schwierig zu behandelnden Erkrankung - und er hatte mit Vorliebe schwierige Problempatienten - mit ungewöhnlichen Möglichkeiten Linderung zu suchen, zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben Dr. Zimmermanns. Neben den manchmal notwendigen schulmedizinischen, also meist unterdrückenden Medikamenten, bevorzugte er v. a. naturheilkundliche Therapien. Mein Vater beherrschte die Klaviatur einiger wichtiger ganzheitlicher Methoden und verband sie zu einem schlüssigen Konzept.

Krankheit war für meinen Vater kein beänstigender Zustand, sondern eine Herausforderung. Ansatzpunkt für die Behandlung einer Krankheit war immer der ganze Mensch, d. h. auch der nicht kranke Teil eines Menschen, aus dem man üppig Kraft und Ideen schöpfen kann. Quelle der Erkenntnis über diesen Menschen waren die jeweiligen Besonderheiten dieses Menschen.
In der Akzeptanz der Eigentümlichkeit eines Menschen, der Würde eines Individuums, wird der kranke Zustand in seiner Wichtigkeit, in seiner Bedrohung, in seiner Schwere relativiert, die Distanz zwischen dem Gesunden und dem Kranken wird zu einem Spannungsfeld, in dem am besten einer vermitteln kann - der Humor. Nur mit Humor schaffe ich es, einen krankhaften Zustand zunächst einmal anzunehmen, ihm die Spitze zu nehmen und tief durchzuatmen. Das Nicht-Normale, das Ungewöhnliche, das Kranke, das Skurile, das Schräge, das Eigentümliche war für meinen Vater immer der Wegweiser zu der Persönlichkeit seines Patienten und Ansatzpunkt jeder Behandlung.

Für eine ganzheitliche Behandlung war für meinen Vater immer ein Quantum Humor notwendig und hilfreich, der auf den Patienten überspringen sollte und bei der Behandlung half.

In der meisterhaften Partitur verschiedener Instrumente naturheilkundlicher Techniken, war der Humor, das Warten und Erwarten des überraschenden Skurilen, Eigentümlichen, der rhythmischen Verschiebung, einer therapeutischen Triole, das "Grooven" in der therapeutischen Melodie, für meinen Vater das A und O der Behandlung.
Dieses liebevolle Erwarten und Akzeptieren des Überraschenden, des Ungewöhnlichen, Schrägen und Krummen zeugte von einer tiefen Philanthropie! Dadurch, dass er den Patienten in seiner Ungewöhnlichkeit annahm, sich für das Schräge und Nicht-Perfekte an ihm interessierte, machte er dem Patienten ebenfalls Mut, sich doch so zu akzeptieren und zu mögen und Krankheit erst einmal distanziert als Phänomen zu betrachten.

Das Schräge, Skurile, Schmerzhafte, Kranke akzeptieren:
Das war für meinen Vater wichtige Voraussetzung zur erfolgreichen Behandlung.

Aber auch die verschiedenen Therapieformen, die er bevorzugte, suchen ganz speziell nach dem Ungewöhnlichen und Skurilen:
Beispiele sind:

  1. Die Homöopathie: Sie lebt vom eigentümlichen, ungewöhnlichen Symptom, um das richtige allumfassende Konstitutions- Mittel zu finden.
  2. Die Pflanzenheilkunde: Hier entdeckt man an den wunderschönen Blumen, die uns mit ihrem Duft umgeben und unser Auge erfreuen, das Spannungsfeld zwischen dem Edlen und Hilfreichen und dem Reizenden, teilweise Giftigen an diesen Lebewesen.
  3. Die Kneipp'sche Lehre meint es gut mit uns und lehrt uns, wie wir uns wohler fühlen und gesund bleiben können, aber es ist oft eine Reiztherapie, die uns zunächst aufregen und erschüttern kann. Sie fordert ihren Tribut, um wirken zu können.
  4. Nicht zuletzt die manchmal vorhandene Diskrepanz zwischen der symptomatischen, d.h. die Symptome, die Krankheits-erscheinungen entfernenden Behandlung im Sinne der Schulmedizin und dem ständigen Hadern darum, ob dem Körper noch eine selbstheilende Kraft zu entlocken sei, um mit einer Krankheit selbst fertig zu werden.

In diesen Spannungsfeldern fühlte sich mein Vater wohl.
Es kostete oft viel Kraft und Zeit, diese zwei Denkansätze der Medizin auf einen Patienten abzustimmen; viele Behandlungen hätte man sich auch einfacher gestalten können. Aber mein Vater hat oft den mühseligen, steinigen Weg gewählt, um dem Patienten zu helfen. Dafür war es notwendig, die Möglichkeiten des einzelnen Patienten genau kennenzulernen, diese dem Patienten aufzuzeigen und mit ihm gemeinsam einen Weg zu einer Lösung zu beschreiten.

Diese Art, mit dem Patienten umzugehen, hat zur Voraussetzung einen mündigen Patienten, der es vorzieht, aktiv an einer Behandlung und einem Heilungsprozeß mitzuarbeiten und nur im Ausnahmefall eine unterdrückende Maßnahme zu akzeptieren. Einen medizinisch ja nicht ausgebildeten Patienten zu motivieren und bei der Stange zu halten, ist natürlich anstrengend, aber war Lebensinhalt meines Vaters.

Ein mündiger Mensch kennt seine eigenen Möglichkeiten und verliert zunehmend die Angst vor ungewöhnlichen und unnormalen Reaktionen seines Körpers, die wir Krankheit oder Schmerz nennen. Er lernt sogar, mit diesen eigentümlichen Reaktionen zu leben, gewinnt ihnen sogar etwas Gutes ab, erkennt Botschaften seines Körpers und beginnt, die Angst einzutauschen gegen Mut und - Humor.

Wie kam es nun, dass Dr. Zimmermann sich diese Denkart angeeignet hat?

Erlauben Sie mir, einigen wichtigen Etappen des Lebens von Dr. Zimmermann nachzugehen. Vielleicht gelingt es uns, zu erahnen, welche Lebens-Ereignisse einen Menschen geprägt haben, der auf eigenwillige Art Medizin betrieben hat, durchaus erfolgreich war, Zeichen gesetzt hat, aber immer darum bemüht war, die Individualität des Patienten zu achten und den unverwechselbaren Menschen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen zu stellen.

1923 in Augsburg geboren besuchte er die Volksschule und das Humanistische Gymnasium St. Stephan in Augsburg, wo er mit 17 ein Notabitur machen musste, weil er zum Krieg eingezogen wurde und jäh aus seiner friedlichen Kindheit gerissen wurde. Er mußte als Funker in einem Funkpanzer bis 1944 am Krieg teilnehmen. Die Kriegsereignisse haben meinen Vater tief erschüttert und immer wieder mit Schmerz, Leid und Tod konfrontiert. Sein Bruder - ebenfalls Soldat, ist früh gefallen. Bei einem Einsatz in dem schwach geschützten Panzer musste er einmal bei einem Granat-Treffer miterleben, wie alle seine Kameraden schrecklich getötet wurden, er allein - wie durch ein Wunder - überlebte. Die Erfahrung, über Jahre im Angesicht des Todes zu stehen, müssen einen Menschen außerordentlich prägen. Er erlebte die Gefangenschaft, wurde dreimal verwundet, bei der letzten Verwundung, die endlich auch für ihn das Ende des Kriegseinsatzes bedeutete, wurde er schwer am Bein verletzt, sodaß eine Amputation unumgäglich schien. Nur durch einen glücklichen Zufall wurde er von einem Gefäßchirurgen gesehen, der eine erhaltende Operation wagte und letztendlich das Bein auch retten konnte. Allerdings war ein Granatsplitter vom Bein bis ins Herz und in die Lunge gespült worden, wo er festsaß . Dieser Splitter sollte ein Leben lang - weil er neben einer Hauptschlagader lag - wie ein Damoklesschwert über meinem Vater schweben, weil eine Entfernung nicht möglich war und niemand sagen konnte, ob und wann dieser Splitter weiterwandern und zu einer inneren Verblutung führen würde.
Einen solchen drohenden Zustand über ein ganzes Leben kann man nur mit Gottvertrauen ertragen und mit - Humor.
Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass bei sonst ja immer guter Gesundheit meines Vater gerade die Lungen von der schließlich tödlichen Erkrankung betroffen waren.

Nach vielen Monaten Behandlung und auch Bangen in verschiedenen Lazaretten und noch während der langwierigen Heilung seiner Verwundung begann mein Vater sein Medizinstudium in Göttingen und München:
Es war wohl ein lang gehegter Traum, Medizin zu studieren und die schlimmen Kriegserfahrungen taten wohl ihres dazu, den Wunsch anzufachen, helfen zu wollen.

Jedoch schon früh entwickelte mein Vater eine ganz eigene Sicht der Dinge, die wir aus einer Tagebuchaufzeichnung vom 31. 1. 48 nachvollziehen können:



"Seit 6. Januar (48) bin ich in meiner ersten Famulatur im Servatiusstift und habe somit meinen 1. Aufgabenkreis umschlossen. Meine großen Ideale sind die Betreuung der Schwerkranken, die mut- und hoffnungslos in unsagbarem Siechtum ihrem Tode entgegensehen. Kranke, die seit Jahren und Jahrzehnten nichts anderes kennen als Leid und Tage des Trübsals in den Krankenstätten. Wie qualvoll ist ihr Leben. Mit welch großen Hoffnungen hat sie einst ihre Mutter geboren und in die Wiege gelegt, und wie unerfüllt blieb ihr Leben. Welche Freude über jedes gute Wort, das sie vielleicht gar nicht verstehen, aber fühlen; und wie empfangen sie einen guten Blick unter all den vielen mürrischen ihrer Pfleger und Pflegerinnen. Oh, könnte man mit Suggestion, mit Vertrauen heilen! Oh, gäbe es einen neuzeitlichen Mesmerismus! Welche Erfolge könnte man bei diesen bejammernswerten Geschöpfen erzielen! - Wie ideal ein Arzt zu sein und wirklich helfen. Nicht immer versprechen und vor dem Krankenzimmer die Achseln zucken und mit sehr geschäftlichem Mitleid sagen: "Leider nichts mehr zu machen." Wenn dieses leider unter 1000 Kranken einmal fällt, so könnte man das noch annehmen, Aber jedem 2. Kranken ist dies auf die Stirn geschrieben. Will es sein Lebensgeschick, so überwindet er alle Krisen, trotz Ärzten! Soll sein Leben kurz sein, so bleibt es dabei , trotz Ärzten. Kann man sich da wundern, wenn ein Arzt die Schulmedizin beiseitestellen will und mit seiner ganzen Persönlichkeit auf die Psyche des Kranken einwirken will. Ist da nicht umso viel mehr Ernte zu halten als mit Antipyretika, Sedativas, Antineuralgicas und nervenlähmenden Giften. Denn die furchtbare Erkenntnis für den Kranken, dass das Mittel nicht geholfen hat, sondern nur den Zustand für kurze Zeit gelähmt hat, ist auf den weiteren psychischen Zustand des Kranken viel furchtbarer, als dass er damit rechnet, dass seine Natur, seine ihm von Gott innegelegten, körpereigenen Kräfte den schlechtesten Zustand gebessert haben. Damit bleibt der Glaube an sich selbst erhalten und er wird nicht von einem Arzt an sich gerissen, der damit eine Verantwortung auf sich nimmt, die er nicht tragen kann und auch gar nicht will. Denn die Ärzte von heute sind Gedächtnismaschinen, die bei jedem Kranken die Symptome zurechtlegen (wie im Compendium) und darnach ihre Therapie einstellen. Hat sie eingeschlagen, ist der Arzt schuld und er lässt sich für diesen Zufall des Glückes von einem armen Menschlein den Lohn zahlen. Hat aber die Therapie versagt, so ist der Kranke schuld, er hat sich eben nicht nach Vorschrift verhalten. Die größte Gemeinheit ist aber noch, dass der Kranke dafür noch zahlen darf, denn der gute Onkel Doktor hat ja alles getan, was er tun konnte …"
"Ja, die Medizin und pharmazeutische Wissenschaft hat die besten Forschungsergebnisse in den letzten Jahren gezeigt und der Erfolg ist, dass kaum noch ein Mensch im Bett an Altersschwäche stirbt. Und wann, dann hat er sich nie zu einem Arzt in Behandlung begeben. Ich glaube, es wäre besser, das Rote Kreuz der Mediziner in ein schwarzes umzutaufen, das wäre ein besseres Symbol, das mehr an die Wahrheit rankommt."
Das also schrieb der 24-Jährige im 7. Semester Humanmedizin. Nach eigenen leidvollen Erfahrungen und trotz des Wissens seines Studiums ist er enttäuscht, fast verbittert über die Medizin, die oft sehr schnell ein Urteil fällt über das Schicksal eines Menschen und ihn rasch in eine therapeutische Schublade steckt.

Seine Aufzeichnungen sind fast ein geistiges Testament, nach dem er sein Leben lang handeln wird:

  1. Medizin muß individualisiert werden.
  2. Medizin muß andere Wege außerhalb der Lehr-Medizin suchen, um bessere, dauerhafte, echte Erfolge für den Menschen zu suchen.
  3. Man darf dem Menschen nicht die Hoffnung nehmen und soll die Selbstheilungskräfte fördern.
  4. Er klagt die Hybris an, die Überheblichkeit, mit der "Gedächtnismaschinen" starre Therapieschemata zur Anwendung bringen.
  5. Die Liebe zum Detail und die Empathie, das Mitschwingen und Mitleiden mit dem Kranken ist ein wichtiger Schritt, um die Reaktionsweisen und das Außergewöhnliche eines Einzelnen verstehen zu können, zugleich soll der Patient auch liebevoll seine ureigenste, unverwechselbare Art annehmen.

1950 legte mein Vater mit der höchsten Auszeichnung, mit Summa Cum Laude seine Doktorarbeit und seine Approbation ab.
Aber in der Unzufriedenheit mit den begrenzten Erkenntnismöglichkeiten der Medizin beginnt er schon ab 1949 ein Zweitstudium der Naturwissenschaften in den Fächern Anthropologie (Lehre vom Menschen), der Zoologie und Botanik. Am Physiologisch-chemischen Institut München unter den berühmten Professoren Hahn und Niemer konnte er mittels eines Stipendiums als Assistent interessante Versuche zur Carotinsynthese der Pflanze machen, er entschlüsselte einige Phänomene des Alltags, z.B. wie Tomaten und Äpfel, die man nebeneinanderlegt und in einem bestimmten Milieu hält, schneller und ausgiebiger ihre rote Farbe annehmen.
Er suchte in den naturwissenschaftlichen Fächern Antworten auf die Fragen, die die Medizin nach seiner Ansicht nicht beantworten kann.
Bis zum Jahre 1951 hatte mein Vater also schon ausgiebige medizinische Kenntnisse über den menschlichen Körper und seine Krankheiten, konnte viele Phänomene in der gesamten Biologie, dem Tierreich, dem Pflanzenreich, entdecken, konnte Ähnlichkeitsprinzipien zwischen den Menschen und den anderen Lebewesen studieren. Er fand einen Zugang zu den Pflanzen und begann sie zu bewundern und zu lieben, sein Verständnis über die Chemie führte ihn selbstverständlich zur Beschäftigung mit Pflanzenbestandteilen und Pflanzengiften, also auch zur Pflanzenpharmakologie und Toxikologie. Er beschäftigte sich im Rahmen der Anthropologie mit Fragen über die Embryologie und die Entwicklung des Menschen und die typisch menschlichen Verhaltensweisen.
Er führte fortan ein zeitaufwendiges Doppelleben, einerseits gewidmet der fortschreitenden Wissenschaft der Medizin, andererseits der übrigen Wissenschaften vom Leben, geprägt vom Wissensdurst und dem Willen, neue Erkenntnisse für die Behandlung von Menschen zu entdecken.
Er stieß immer wieder auf erstaunliche Erkenntnisse, die wie Brückenschläge waren zwischen dem menschlichen Leben und seiner natürlichen Umgebung, zwischen menschlichen Krankheiten und deren Bezug zu der umgebenden Natur.
Diese parallele geistige Auseinandersetzung war nicht nur schön, sondern er war gerade anfangs natürlich - weil er sich ja als Autodidakt mit niemandem austauschen konnte - immer wieder von Zweifeln geplagt.
So wandte er sich vermehrt der Natur zu und fand in ihr eine reiche Quelle von Kraft und Mut.

Er nutzte auch seine dichterischen und künstlerischen Fähigkeiten, um weit weg vom streng naturwissenschaftlichen Denken auf anderen geistigen und emotionalen Ebenen Kraft und Erkenntnis zu finden.

In seinem Tagebuch 15. - 25. 3. 48 finden wir ein Gedicht, das mein Vater auf einer Wandertour an Ostern 1948 schrieb und das er dem Seidelbast widmete:

Der Seidelbast

Sieh, dort gluckset der Bach
Sein ewig grollendes Lied
Ist es, dass er so steil bergab
Oder ist's dass die Sonne ihn mied?

Freudig empfängt er neue Gefährten
Ein lustiges Plätschern wird gleich sein Groll
Und mit Brausen und Zischen und wilden Gebärden
Gräbt er sich weiter Zoll um Zoll.

Diese tanzende immer ermunternde
Sternenhaft funkelnde stetige Unrast
Schaut von erhabener Warte mit leisem Bewundern,
Stolzen Blickes der Seidelbast.

Auf ihm ruht zärtlich ein Sonnenstrahl
Zuweilen verdeckt von neidischem Gezweig
Doch kommt er wieder und küsst gar viele Mal
Die edle Beute bis der Abend sich neigt.

Seinen Trauben entströmt süßlicher Duft
Der sich mit dem der Fichten mengt
Und zusammen mit herbfrischer Bergesluft
Der Wälder Moderhauch sanft verdrängt.

So schnell, ach, muß er verblühen,
Wenn die Hitze des Sommers die Blüten erstickt
Doch lässt ihn der Herbst gar lieblich erglühen
Mit roter Frucht, die nur alle besticht.

Und wenn die Zeit ist vorbei
Dann steht er kahl und leer
Und wartet auf des Hirten Schalmei
Und der baldigen Frühlingseinkehr.

Wanderer, da schließe die Augen
In Ehrfurcht vor der hehren Natur
Und lausche der Wälder Musik, dem wallenden Sausen
So kannst Du die ganze Welt vergessen und dich dazu.

Wie die Pflanze bist Du hineingestellt
In kraftvolle Zartheit, die nie vergeht
Dann wisse, nur dort ist der Gipfel der Welt
Wo immer ein Begeisterter steht.

Immer wenn meinen Vater Zweifel und Grübel über seine Arbeit überkamen, fand er in der Betrachtung der Natur Ruhe und Ausgeglichenheit. Die Liebe zu den Pflanzen und Blumen sollte ein Leben lang anhalten. Zugleich der Respekt vor den unerschöpflichen Möglichkeiten der Pflanzen als Nahrungsmittel und Droge. 

In dieser Zeit intensiver wissenschaftlicher Arbeit auf medizinischem und wissenschaftlichem Gebiet half ihm auch die Äußerung über die Malerei. Er verstand es, mit Pinsel und Ölfarbe seine Gefühle zu kanalisieren und widmete sich in der Freizeit der Malerei.
Die Phase seiner ersten Lehrjahre spiegelt sich in seinen Gemälden wider:



In der Zeit nach dem Krieg überwiegen dürstere Motive, die die Schrecken und Ängste, die Trostlosigkeit und Trauer widerspiegeln.
Hier wohl Anklänge an die kalte Schneelandschaft Russlands, die mein Vater in schlechter Erinnerung haben musste, er war dort verwundet, sein Bruder hier vermisst, später als gefallen deklariert worden.



Später waren die Farben zwar freundlicher, aber die Motive noch von Trostlosigkeit und Schrecken erfüllt.


Es gibt keine Beschreibung, keinen Titel, aber das Bild zeugt von Panik und Erschütterung.


Später kam ein gelösterer Stil durch, der relativ naturnah einfach nur schöne Motive darstellt, die zum Innehalten einladen und die Ruhe der Atmosphäre genießen lassen. Die Vorliebe für die Schönheit der Blumen kommt durch, die ein Symbol für Harmonie werden.


Marktstände in einer Stadt.
Ein friedliches Motiv, das wie sehnsüchtig das Einfache, Alltägliche betonen will, das Gewöhnliche, Routinemäßige, das Wohlbekannte, das aber Ruhe, Sicherheit und Vertrauen ausstrahlt.


Auch hier ein Motiv, das Ruhe ausstrahlt, die Innenstadt von Augsburg, wo mein Vater bis 1953 wohnte.


Von 1951 - 53 war mein Vater Medizinalassistent an der 2. Med. Klinik der Uni München bei Prof. Bergmann, machte sich in der Inneren Medizin fit, wechselte aber 53 - 54 ans Kreiskrankenhaus Mühldorf, wo dieses Bild entstand.



In Mühldorf war er tätig in der Chirurgie, in der Gynäkologie und Geburtshilfe. Die Chirurgie hatte er ja noch aus eigener schmerzlicher Erfahrung in Erinnerung und wollte sich nun noch einmal aus nicht-betroffener Sicht mit dem sozusagen konkurrierenden Fach auseinandersetzen, wie er es später noch einmal tun wird.



1954 - 57 war mein Vater schließlich noch als Privatassistent im Städt. Krankenhaus Bad Reichenhall bei Prof. Schmengler in der Inneren tätig, im Oktober 57 konnte er die Internistische Facharztprüfung ablegen.



In diesem Jahr heiratete er auch meine Mutter, die ja auch Ärztin war und an ihrem Facharzt für Augenheilkunde arbeitete. Zeitlebens war sie eine treue Weggefährtin, die meinem Vater fachlich wie menschlich die Stange hielt.

1957-58 folgte noch ein Jahr Tätigkeit am Zentral-Röntgeninstitut Schwabing, wo mein Vater mit Radioisotopen und in der internistischen Röntgendiagnostik arbeitete.

Nun war er also fit! Er hatte die Innere Medizin gelernt, gute Kenntnisse in Röntgendiagnostik, in der Chirurgie, ein Studium in Zoologie, Botanik und Anthropologie. Aber er hatte sich auch schon intensiv mit der Homöopathie und dem Leben Hahnemanns beschäftigt, besondere Interessensgebiete, die man aus seinen umfangreichen Büchern zu diesen Themen schließen kann, waren Pflanzeninhaltsstoffe, Tierische Gifte und Mineralien, wie sie in hoch verdünnter Lösung in der Homöopathie verwendet werden.



Dieses Bild übrigens entstand in dieser Zeit. Ich habe immer die Assoziation, hier macht jemand ganz frech eine lange Nase…
Vielleicht stellt es meinen Vater dar, der der Schul-Medizin eine lange Nase macht? Als wollte er sagen: Ich hab was Besseres!

Tatsächlich scheint es so zu sein, dass mein Vater aufgrund seiner Kenntnisse gespürt hatte, dass es neben der von ihm kritisch betrachteten, irgendwie überheblich wirkenden Schulmedizin noch andere Behandlungsstrategien gibt, um seinem Traum näher zu kommen: Scheinbar Unheilbaren, schwierigen Patienten, Hoffnungslosen, Aufgegebenen zu helfen.

Ende 1958 kam auch schon die Herausforderung:
Die Übernahme des Homöopathischen Krankenhauses Höllriegelskreuth im Süden Münchens mit 87 Betten, einer Stiftung des Öffentlichen Rechts. Dem vorherigen Leiter der Klinik hatten die Kassen die Zulassung entzogen, weil er nur homöopathische Therapien einsetzte. Die Kassen machten zur Auflage, dass ein Internist das Krankenhaus übernehmen müsste, der auch selbst röntgen kann und das Haus allein betreiben kann, ohne andere Fachärzte hinzuziehen zu müssen. In dieser Verlegenheit des Vereins wird Dr. Zimmermann geholt, der alle Voraussetzungen erfüllte.
Aufgrund der Belegung durch die Kassen mußte er ca. 30 % der Patienten, teils Schwerkranke, allopathisch behandeln, es bleibt jedoch genug Freiraum, mit naturheilkundlichen Verfahren zu arbeiten:
Einige wichtige Beispiele:

  1. Die Homöopathie: Schon vom Namen her war das Haus der Homöopathie verschrieben, Zimmermann versuchte, so weit wie möglich die Homöopathie individuell anzuwenden.
  2. Nachdem viele Patienten durch allopathische Medikamente, Operationen, Umweltbelastungen usw. unterdrückt sind, was die Suche nach dem richtigen Mittel oft erschwert oder das richtige Mittel nicht richtig wirkte, suchte mein Vater früh nach Möglichkeiten, um die sog. Unterdrückung und Reaktionsstarre aufzulösen. Hier setzte er die Diätetik und Pflanzenheilkunde ein.
  3. Hier war eine oft geübte Methode das Heilfasten nach Buchinger. Fastenerfahrungen hatte mein Vater selbst schon gemacht; mit seiner Kriegsverwundung am Bein, die jahrelang nicht richtig heilen wollte und schmerzte, ging er Anfang der 50er Jahre zu Dr. Otto Buchinger nach Überlingen, den er schätzen lernte und ihn sehr verehrte. Nach dem ersten Fasten waren seine gesamten Beschwerden weg. Ein "Knaller", wie er meinem Vater so recht gefiel und der ihn natürlich beflügelte, das Fasten liebzugewinnen und regelmäßig (2 x pro Jahr 14 Tage) selbst zu pflegen. Dieses Fasten setzte er also in Höllriegelskreuth ein und durchbrach so oft die Reaktionsstarre chronisch gewordener Krankheiten.
  4. Pfarrer Kneipp's Ideen wurden eingebunden mit allen fünf Säulen Wassertherapie, Bewegung, Ernährung, Pflanzenheilkunde und Ordnungstherapie.

Bis zum Jahre 1969 hatte sich das Haus in Höllriegelskreuth so gut gemausert und der Stiftungsverein Rücklagen bilden können, dass ein neues Krankenhaus stadtnah gebaut werden konnte: Das Krankenhaus für Naturheilweisen hier in Harlaching.



Hier sollte ein neues Konzept verwirklicht werden, das Motto war: "Alles, was mit der Natur und mit natürlichen Dingen zusammenhängt, anzuwenden, nicht im Sinne einer Auflage, sondern wenn es erforderlich ist und nach der praktischen Erfahrung - im Sinne der Erfahrungsmedizin - Erfolg verspricht".
Schon die Bezeichnung wurde sorgfältig ausgesucht: "Naturheilverfahren" gefiel meinem Vater nicht, weil dieser Begriff seiner Meinung nach zu wenig den ärztlich-medizinischen Hintergrund berücksichtigte.

Es sollte "Krankenhaus für Naturheilweisen" heißen.

In diesem Haus konnte sich mein Vater bis zu seinem Ausscheiden 1988 einer echten Ganzheitsmedizin widmen, wie sie heute noch beispielhaft ist. Der Begriff Ganzheitsmedizin wird mittlerweile oft missbraucht und viele Häuser und Therapeuten erheben den Anspruch auf Ganzheitlichkeit - ein Modewort, ein Markt!

Mein Vater war zu eigensinnig und klug, um sich durch Modeerscheinungen locken oder blenden zu lassen, Worthülsen zu missbrauchen.
Ich sehe ihn, aus ärztlicher Sicht, als naturheilkundliches Urgestein, genauso wie auch als echten Trendsetter, der aber nicht nur Freunde, sondern auch Neider hatte und gerade anfangs umgeben war von einem Zeitgeist, der seinen Anspruch, den er an sich und die Medizin stellte, nicht immer verstand.
Wie schon erwähnt, war er nicht ohne Zweifel, doch sein Kapital war eine lautere Denkart, sein manchmal kindliches Vertrauen in die Urkraft der Schöpfung, die vieles alleine reparieren kann, wenn man sie nur lässt. Er betonte: " Bei der Frage, welche Behandlungsart in jedem speziellen Fall nützlich sei, wird es auch vorkommen, dass es ein ausgezeichnetes Mittel ist, kein Mittel zu verordnen".



Also: Durchaus mal aus dem Fenster lehnen, mutig etwas Unkonventionelles wagen, Kommen-lassen, Empathie und Humor - das sind Assoziationen, die ich mit meinem Vater verbinde.

Was war nun das Besondere seiner Arbeit am, im und mit dem Krankenhaus für Naturheilweisen?
Ein paar Highlights möchte ich in Erinnerung bringen:

Die Homöopathie. Ausgebildet bei dem Homöopathen Dr. Dingfelder, dem damaligen Leiter des Homöopathie-Vereins, setzte Dr. Zimmermann im klinischen Alltag regelmäßig die Homöopathie ein. Schwerpunkte seiner eigenen Forschungen war die Verbindung der Lebensweise oder Eigenschaft der verwendeten tierischen, pflanzlichen oder mineralischen Ausgangsstoffe mit der zu behandelnen Krankheit und dem Patienten:
Er beschrieb die Wirkung der Spinnengifte: Die Kreuzspinne hat eine spezifische Wirkung auf die Kopfganglien. In der Natur durch den Biß der Spinne in den Nacken des Opfers, in einer anderen, homöopathischen Dimension wirken sie beim Menschen ebenfalls auf die Kopfganglien bei Störungen wie Ohrgeräusch, Schwindel und Kopfschmerz.
Das Gift der Schwarzen Witwe wirkt beim Opfer lähmend auf das Herzganglion, beim Menschen ebenso, und zwar bei Herzrhythmusstörungen.
Analogieschlüsse aus dem Pflanzen-, Tier- und Mineralienreich waren sein Steckenpferd.



Interessante Beziehungen der mineralischen Homöopathika untereinander fand er im Periodensystem der Elemente. "Elemente der gleichen Ordnungsgruppe haben auf bestimmten Ebenen verwandte Wirkungen".



Beispielsweise kann man die Mineralien der 2. Ordnungsgruppe zusammenfassen: Ihre Wirkung betrifft die sog. lymphatischen Organe, also die Kontaktorgane zur Umwelt: Mandeln, Ohren, Nase, Ohren, Augen, Schilddrüse, und zwar je nach Lebensalter in einer gesetzmäßigen Reihenfolge im Periodensystem.



Sein Leben lang profitierte er von seinem Doppelstudium Naturwissenschaften und Medizin und aus der Zusammenschau der Biologie und der Homöopathie interessierte sich mein Vater besonders für physiologische Regelkreise, die komplex mit der Homöopathie beeinflusst werden können.

Die Homöopathie war für ihn die Königin der Therapien, weil sie so liebevoll mit dem Detail umging. Aber Dr. Zimmermann band sie ein in den großen Rahmen der Biologie und Anthropologie! Er verband die Wissenschaftlichkeit der homöopathischen Mittel mit der Erfahrungsheilkunde. Mehrere Veröffentlichungen



fassten seine klinischen Erfahrungen zusammen.

Auszeichnungen wie 1963 der Samuel Hahnemann-Preis oder 1987 die Ehrennadel des Dt. Zentralvereins Homöopathischer Ärzte ehrten seine Bemühungen um die Homöopathie.



Sein letztes homöopathisches Buch "Homöopathie in der Klinik - Eine erlebte Heilmethode" von 1990 macht im Verständnis der Homöopathie einen Quantensprung, weil verschiedene Aspekte Hahnemanns ergänzt und hinterfragt werden: "Denkanstöße, die Homöopathie und Schulmedizin zu einem Konsens bringen wollen, von dem nicht eine Lehrmeinung, sondern der Patient profitieren soll."



Eine vernünftige Ernährung war eine wichtige Säule in der Naturheilkunde. Das Krankenhaus für Naturheilweisen bot meinem Vater die Plattform, Ernährungslehre praktisch umzusetzen. Intensive Auseinandersetzungen und regelmäßige Beratungen mit dem Küchenchef und den Diätassistentinnen führten dazu, dass jeder Patient s e i n e Ernährung bekam.

Viele neue Erkenntnisse über sinnvolle Ernährung sind in dem Buch "Gewicht leicht gemacht" zusammengefasst. Zwei Gebiete waren Dr. Zimmermann besonders wichtig:
Das Fasten und die Kartoffeldiät.



Fasten als Reduzieren auf das Wesentliche im Sinne einer Standortbestimmung, freiwilliger Verzicht, Mauserung des Körpers und Verjüngungskur für Geist und Körper waren deswegen so wichtig, weil im Bestreben meines Vaters und seiner Patienten, möglichst Medikamente einzusparen, alle naturheilkundlichen Therapien maximal ansprachen, wenn die Unterdrückung durch blockierende Emotionen, Blockierungen im Gewebe und Vergiftung durch Umweltgifte und ungesunde Lebensweise durch Heilfasten "wegverdaut" werden.
 
Eine der Hauptaufgaben sah mein Vater allerdings in der immer wiederkehrenden Motivation der vielen Faster in seinem Haus. Motivation gelingt bei einem hungrigen , teils vielleicht missmutigen und mutlosen Faster nur mit einem guten Quantum Humor!
Die Kartoffelkost und die "Kartoffelkur" war eine Erfindung Zimmermanns, die regelrecht Furore machte:
In Zeitschriftenartikeln und in speziellen Rezeptierbüchern wurden die Technik und die interessanten Vorteile für den Stoffwechsel erklärt. Viele Menschen, ob gesund oder mit Herz-Kreislauferkrankungen pflegen heute noch regelmäßig Kartoffeltage oder -diät.



Die Welt der Heilpflanzen und auch der Giftpflanzen, die in hoher Verdünnung als homöopathische Mittel verwendet werden, waren vom Beginn des Studiums ab d a s Hobby meines Vaters. Immer mit der Kamera unterwegs, verwaltete er ein Archiv von20000 in- und ausländischen Pflanzendias. Die Beziehung der Pflanze zu ihrem Herkunftsland, ihren Pflanzenbestandteilen und ihrer Wirkung auf die im selben Kulturkreis lebenden Menschen, das "Wesen der Pflanzen", waren spannende und schier unerschöpfliche Forschungsfelder.



Mehrwöchige Reisen nach China (1985 im Auftrag von Mildred Scheel) und Indien erweiterten den Horizont und das Verständnis für die Kultur und die traditionelle Medizin in diesen Ländern.



ie interne Fortbildung und gedankliche Auseinandersetzung mit den Ärzten, den Schwestern und den Physiotherapeuten war eine anstrengende, aber fruchtbare Aufgabe, die einerseits der gemeinsamen Erarbeitung neuen Wissens diente und natürlich sofort den Patienten zugute kam.



Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern entstanden Buchveröffentlichungen, die Maßstäbe in der Naturheilkunde setzten.



Die Weiterbildung von Ärzten in Ärztekursen und das Nahebringen ganzheitlicher Gedanken an die Bevölkerung war immer ein Anliegen für Dr. Zimmermann. Weit über 125 Veröffentlichungen und zehn Bücher sind das wissenschaftliche Erbe Zimmermanns.



Auch nach dem Ausscheiden aus dem Krankenhaus 1988 führte er eine intensive und individuelle Medizin fort, viele Patienten hatten durch ihn neuen Lebensmut und eine echte, oft unerwartete Besserung ihres körperlichen und seelischen Zustandes erfahren. Die Erkenntnis, dass man nie vorher wissen könne, was noch an Möglichkeiten und Heilungschancen im Einzelnen stecken kann, also ein therapeutischer Optimismus, gepaart mit dem Relativieren noch so großer Beschwerden oder Krankheit im Sinne des Humors befähigten ihn, zu jeder Zeit mit vollen Händen aus dem großen Schatz der Natur zu schöpfen. Dabei strahlte er immer therapeutische Sicherheit und Optimismus aus, den der Patient heute so dringend braucht.
Selbst in der letzten Phase seines erfüllten Lebens blickte er noch visionär in die Zukunft und eingedenk seiner eigenen Erfahrungen mit der Chirurgie schrieb er noch ein Vorwort zu einem derzeit entstehenden Buch, das zum Thema "Grüne Chirurgie" einen versöhnlichen Schulterschluß sogar zwischen konservativer und invasiver Medizin darstellt.
 
"…so gibt es Methoden, die zwar hilfreich und schneller zur Heilung führen als die zeitraubende biologische Selbstheilung und heilkundliche Hilfe, aber wir fragen uns dabei oft genug, welche Methode hat den Vorteil bezüglich einer echten Heilung im Natursinn oder einer programmierten Heilung nach physikalischen oder chemischen Ansätzen.
Am meisten ist in der Chirurgie der moderne Gedanke eingebrochen, der die Natur in den Hintergrund drängt und der Methodik und dem Material zur schnellen Wiederherstellung den Vorrang einräumt.
So fragen wir uns, ist es gerecht, daß wir nur an die moderne "Wiederherstellungsmethode" der heutigen Chirurgie denken und damit der Natur in der Heilkunde nicht mehr gerecht werden oder den Garaus machen, was zu den nicht seltenen Rezidiven und Fehlleistungen unseres Körpers führen kann und trotz der oft erstaunlichen Momentanleistung Defekte hinterlassen."

Diese Worte schrieb mein Vater vier Wochen vor seinem Tode, bis zum Schluß blieb der Respekt vor der Struktur und dem Leben und die beharrliche Hoffnung auf die Selbstheilungskräfte und die Mitverantwortung des Körpers.

Ich bin froh und stolz, von ihm geführt und gelehrt worden zu sein.


Dr. Bruno Zimmermann

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